Der Alptraum für jeden Autofahrer: Eine Panne, nachts und bei Regen, erfordert einen Reifenwechsel auf dem Seitenstreifen. Ist ihm ein Reifenpannenset eine Hilfe?
Reifenpannen gehören zu den unangenehmsten Begleiterscheinungen des Autofahrens.
Nach der Statistik ist die Wahrscheinlichkeit einer Reifenpanne äußerst gering. Durchschnittlich ist es nur alle zwei Jahre der Fall, dass ein Reifen beschädigt wird. Aber dieses Risiko ist allgegenwärtig - durch Glasscherben, Nägel, Schrauben oder sonstige scharfe Gegenstände.
Die Werbung verspricht völlige Abhilfe u. a. durch die Verwendung eines Reifen-Pannensets.
Die geltende Rechtslage lässt dies jedoch nur eingeschränkt zu: bis zur nächsten Werkstatt, andernfalls kann der Versicherungsschutz verloren gehen.
Nur bei Beachtung der Vorschriften und einiger Sicherheitsaspekte können Pannen - Sets eine große Erleichterung und Hilfe in der Not sein.
Für Autofahrer stellen die Reifenpanne und der damit verbundene Radwechsel einen Alptraum dar. Zurecht - denn mehr als die Hälfte aller Unfälle, die auf technische Mängel zurückzuführen sind, werden durch Reifenschäden verursacht.
Von vielen Fahrern werden Reifen dennoch als Sicherheitskomponente unterschätzt - ein Viertel aller Autofahrer überprüfen den Luftdruck ihrer Reifen nur ein- bis zweimal im Jahr. Diese Statistik, technische Verbesserungen und die zunehmende Produktvielfalt von Reifenpannensets erklären vielleicht deren zunehmende Beliebtheit.
Zusätzlich ist den Fahrzeugentwicklern das fünfte Rad am Wagen (Ersatzrad) ein Dorn im Auge. Es verbraucht wertvollen Stauraum und treibt das Gewicht des Autos und somit den Verbrauch in die Höhe. Daher setzen sie künftig verstärkt auf Reifen mit so genannten Notlaufeigenschaften.
Bei Kleinwagen oder sportlichen Coupés mit geringfügigem Platzangebot wird derzeit (manchmal wahlweise) statt des fünften Reifens ein Reparatur-Set beigelegt.
Durch ein Reifen - Reparatur/Pannenset lassen sich beschädigte Reifen mittels Dichtmasse bzw. Dichtfasern und Klein-Kompressoren oder Druckgasen wieder eingeschränkt fahrtüchtig machen.
Es wird aber z. T. ohne augenfällige und verständliche Einschränkungen damit geworben, dass Reifen durch das Pannenset dauerhaft repariert werden. Hierbei wird ausgesagt, dass die Verkehrssicherheit des reparierten Reifens voll wiederhergestellt wird und dieser ohne Einschränkungen (in Bezug auf Fahrzeit, zurückgelegte Entfernung und Geschwindigkeit) weiter benutzt werden kann.
Solche Mittel dienen jedoch nur dazu, Reifen soweit zu reparieren bzw. abzudichten, dass nach einer Panne mit einer dem Schaden entsprechenden, also reduzierten Geschwindigkeit, die nächstgelegene Fachwerkstatt erreicht werden kann.
Dort kann ein Fachmann den Reifen begutachten und den Schaden gegebenenfalls beheben.
Ferner wird damit geworben, dass ein Mittel auch vorbeugend eingesetzt werden kann, so dass Pannen nicht mehr auftreten, weil Reifenschäden umgehend von selbst abgedichtet werden.
Damit erhöht sich die Gefahr, dass der Fahrer Reifenschäden beziehungsweise eine Beschädigung der Karkasse nicht bemerkt.
Zusätzlich können Gegenstände, die sich noch im Reifen befinden (z.B. Schrauben, Nägel), bei Fortsetzung der Fahrt weitere Schäden an der Karkasse hervorrufen.
Ein Teil der Werbung, sowie Verbraucherinformationen auf der Verpackung und dem Produkt suggerieren, dass bei Einsatz eines Reifen-Pannensets fast keine Reifenschäden zu befürchten sind.
Vertraut ein Autofahrer diesen Aussagen, wird er zu einer erhöhten Sorglosigkeit oder Risikobereitschaft verleitet.
Ein sorgloser Fahrer überprüft den Luftdruck seiner Reifen ohnehin zu selten, insbesondere da man einen Luftverlust von bis zu 20% bei Gürtelreifen kaum sehen kann.
Bei einem Reifenschaden entweicht bereits ein Teil der Luft aus dem Reifen bis ein Pannen - Set verwendet wird. Auch bei vorbeugendem Einsatz kann ein nennenswerter Teil der Reifenluft bis zur Abdichtung entweichen. Eine völlige Abdichtung ist ohnehin nur bei kleineren Reifenschäden wie durch Nägel oder Schrauben verursacht möglich - diese stellen jedoch die häufigste Schadensursache dar.
Zu geringer Luftdruck erhöht aber nicht nur Verschleiß und Verbrauch, sondern auch das Fahrverhalten des Fahrzeuges ändert sich mit dem zunehmenden Luftverlust des Reifens.
Unter dem angeführten Grenzbereich kann die einsetzende Quetsch- und Walkarbeit zusätzlich bis zur Zerstörung des Reifens führen.
Reifen-Pannensets unterliegen dem Produktsicherheitsgesetz - ProdSG, das dazu beitragen soll, dass nur sichere technische Arbeitsmittel und Verbraucherproduktein Verkehr gebracht werden. Ein Produkt ist nur sicher, wenn davon bei bestimmungsgemäßer oder zu erwartender, also vorhersehbarer Verwendung keine erhebliche oder andere zu erwartende Gefahr ausgeht.
Nach dem anfangs dargelegten Sachverhalt gehen von einigen Reifenpannensets bei bestimmungsgemäßer Verwendung laut Produktaufschrift, Bedienungsanleitung und Werbung erhebliche Gefahren aus.
Des weiteren sind bei der Verwendung die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen zu beachten und einzuhalten, nämlich die Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) und die zugehörigen Richtlinien.
Diese besagen, dass die Reparatur eines Reifens ein relevanter Eingriff in ein wesentliches Sicherheitsteil am Fahrzeug ist und daher die Beurteilung, ob ein Reifen noch zu reparieren ist oder nicht, ebenso ausschließlich einem ausgebildeten Fachmann zu überlassen ist, wie die Ausführung der Reparatur selbst.
Sie besagen ferner, dass ein Pannenhilfsmittel ein temporärer Notbehelf nach eingetretenem Reifenschaden für eine begrenzte Mobilitätssicherung ist.
Vorgenannte Festlegungen stehen im klaren Widerspruch zur Werbung und teilweise im Widerspruch zu den Verbraucherinformationen auf Verpackung und Produkt einiger Hersteller, da gemäß den gesetzlichen Bestimmungen bei Kenntnis eines Reifenschadens eine Fachwerkstatt aufzusuchen ist.
Nach geltender Rechtslage führt das wissentliche Fortsetzen der Fahrt ohne das unverzügliche Aufsuchen einer Werkstatt zum Verlust der Zulassung des Reifens und damit zum Erlöschen der Betriebserlaubnis des Fahrzeugs. Damit entfällt auch der Versicherungsschutz und der Fahrer hat alle daraus resultierenden rechtlichen Konsequenzen zu tragen.
Rechtlich sind damit Hersteller, Händler und Verbraucher in der Pflicht.
Das seit 01.12.2011 geltende ProdSG verpflichtet Hersteller nicht nur zu einem großen Maß an Weitblick für die sichere Verwendung eines Produktes, sondern z.B. auch zur Überprüfung ob die Angaben für eine gefahrlose Verwendung im Einklang mit den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen sind.
Händler mit Ihren Fachverkäufern haben die Verbraucher ebenfalls auf die mit einem Produkt verbundenen möglichen Gefahren und Verwendungseinschränkungen hinzuweisen und dazu beizutragen, dass nur sichere Verbraucherprodukte in Verkehr gebracht werden.
Ein namhafter deutscher Automobilhersteller wählt den goldenen Mittelweg. Es wird ein Reifen-Pannenset als Grundausstattung zum Fahrzeug - mit der Einschränkung damit nur bis zur nächsten Werkstatt zu fahren - mitgeliefert.