Im Straßenverkehr kann es ganz plötzlich zu einer kritischen Situation kommen. Man ist selbst kurz unaufmerksam, oder ein anderer Verkehrsteilnehmer verhält sich nicht so wie erwartet, schon gilt es schnell zu reagieren. Aktive Sicherheitssysteme sorgen dafür, dass das Fahrzeug in solchen Situationen möglichst das tut, was der Fahrer möchte.
Allerdings nur, sofern sie an Bord sind.
Das Antiblockiersystem (ABS) als Ausgangspunkt aller aktiven Sicherheitssysteme wurde 1978 erstmals angeboten und ist mittlerweile Serienausstattung in allen Neufahrzeugen. Mit ABS kann der Autofahrer auch bei einer Vollbremsung um Hindernisse herumlenken und dadurch Unfälle vermeiden. 1987 folgte als Weiterentwicklung die Antriebsschlupfregelung (ASR), die das Durchdrehen von Rädern verhindert. Leistungsfähigstes System ist bislang das 1995 erstmals eingeführte Antischleudersystem ESP® (Elektronisches Stabilitäts-Programm). Es enthält alle Funktionen des ABS und des ASR und erkennt zudem Schleuderbewegungen des Fahrzeugs und bekämpft diese.
Die Funktionsweise eines modernen ABS ist heute noch die gleiche wie beim Serienstart vor 28 Jahren: An jedem Rad sitzt ein Sensor, der die Drehgeschwindigkeit misst. Droht ein Rad bei starkem Bremsen oder auf rutschigem Untergrund zu blockieren, greift das ABS blitzschnell ein und reduziert den Bremsdruck am betreffenden Rad. Rollt es wieder freier, wird der Bremsdruck wieder erhöht. Dadurch bricht das Fahrzeug nicht aus und bleibt jederzeit lenkbar, so dass der Fahrer auch bei einer Vollbremsung plötzlich auftauchenden Hindernissen ausweichen kann. Zusätzlicher Vorteil: In den meisten Situationen verkürzt sich der Bremsweg.
Die Antriebsschlupfregelung (ASR) ist eine Weiterentwicklung des ABS. Sie ging 1987 erstmals in Serie. Steht ein Rad auf einem rutschigen Untergrund und gibt der Fahrer beim Anfahren zu viel Gas, dreht das Rad durch. ASR erkennt das, reduziert das Gas und bremst im Bedarfsfall das durchdrehende Rad zusätzlich leicht ab. Dadurch wird die Antriebskraft auf das anderen Antriebsrad umgelenkt, das mehr „Grip“ hat. So kann das Fahrzeug besser anfahren. Und selbst während des Fahrens unterstützt ASR. Wird in einer Kurve zuviel Gas gegeben und das kurveninnere Rad droht durchzudrehen, reduziert ASR die Antriebskraft und erhält so die Fahrstabilität.
Das bislang leistungsfähigste aktive Sicherheitssystem ist die 1995 eingeführte Antischleuderhilfe ESP® (Elektronisches Stabilitäts-Programm). Hier erfassen Sensoren Größen wie Radgeschwindigkeit, Lenkwinkel, Querbeschleunigung sowie die Drehbewegung des Fahrzeugs. Daraus errechnet es, ob das Auto den Lenkbefehlen des Fahrers folgt. Droht das Fahrzeug auszubrechen, nimmt das System blitzschnell die Motorleistung zurück. Reicht das nicht aus, bremst es zusätzlich einzelne Räder gezielt ab. Die dadurch erzeugte Drehbewegung des Fahrzeugs wirkt der Schleuderbewegung entgegen und hält das Auto innerhalb der physikalischen Grenzen sicher auf Kurs.
Bei vielen mit ESP® ausgestatteten Modellen lässt sich das System mit einem Schalter am Instrumententräger komplett abschalten oder zumindest bei niedriger Geschwindigkeit deaktivieren. Grundsätzlich geht dabei immer ein großes Stück Fahrsicherheit verloren. So ist das Abschalten des ESP® nur in sehr wenigen Situationen sinnvoll; vor allem beim Anfahren in tiefem Sand, Kies oder Schnee. Die im ESP® integrierte Antriebsschlupfregelung (ASR) würde hier nämlich das Freiwühlen der Räder verhindern, was in solchen Fällen aber gewollt ist. Grundsätzlich gilt hier: Sobald fester Boden unter dem Fahrzeug ist, sollte ESP® unbedingt wieder aktiviert werden. Zu beachten ist dabei, dass mehrere Automobilhersteller das System unter einer anderen Bezeichnung anbieten. So finden sich auch Abkürzungen wie DSC, PSM, DSTC oder VDC. Aufschluss über die tatsächliche Funktion der einzelnen Systeme gibt das Handbuch oder der Fahrzeughändler.
Untersuchungen zeigen, dass eine serienmäßige Ausstattung aller Fahrzeuge mit ESP® die Zahl der tödlich verlaufenden Unfälle um mindestens ein Drittel verringern würde. ESP® ist damit nach dem Sicherheitsgurt das zweitwichtigste Sicherheitssystem noch vor dem Airbag. Einer Studie des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) in Deutschland zufolge sind allein 25 Prozent aller Unfälle mit Schwerverletzten und 60 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge bei Seitencrashs auf Schleudern zurückzuführen – was ESP® effektiv verhindern kann. Automobilclubs, Fachzeitschriften, Prüforganisationen und Verbände wie ADAC, DEKRA und GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherer) fordern deshalb den Einbau von ESP® ab Werk in jedes Fahrzeug. Sie liegen damit auf einer Linie mit einem Großteil der Autofahrer. So ergab eine von Bosch gemeinsam mit dem ADAC durchgeführte Studie, dass 74 Prozent der befragten Autofahrer ein Gesetz befürworten, das die Hersteller zur Serienausstattung mit dem System verpflichtet.
Gegenwärtig sind die meisten Modelle von der Kompaktklasse aufwärts ab Werk mit ESP® ausgerüstet. Bei den Kleinwagen ist das System oft nur als Option erhältlich. Doch gerade diese Fahrzeuge werden von Fahranfängern gesteuert, oder sie werden als Zweitwagen zum Kindertransport genutzt. Daher ist auch hier die bestmögliche Technik wichtig.
In das ESP®-System werden neben ABS und ASR zunehmend weitere Funktionen integriert. Hierzu gehört beispielsweise die „Hill Hold Control“, die das ungewollte Rückwärtsrollen beim Anfahren am Berg verhindert. Der sogenannte Bremsassistent unterstützt den Fahrer zusätzlich, wenn er bei einer Notbremsung zu zögerlich aufs Bremspedal tritt. Das System aktiviert in diesem Fall innerhalb von Sekundenbruchteilen den vollen Bremsdruck und kann so den Bremsweg deutlich verkürzen. Ein um eine Anhängerschlingerlogik erweitertes ESP® erkennt, wenn sich ein Wohnwagen oder Anhänger aufschaukelt. Je nach Situation bremst es einzelne oder alle vier Räder ab und verhindert so das gefährliche Schlingern des Anhängers. Das ESP® leichter Nutzfahrzeuge schließlich wurde um eine Funktion ergänzt, mit deren Hilfe das System das tatsächliche Gewicht und die ungefähre Lage des Schwerpunkts des Fahrzeugs ermittelt und die ESP®-Aktionen daran anpasst. So bleiben auch Transporter noch sicherer auf Kurs, und die Gefahr des Überschlags sinkt beträchtlich.
Die Bremssysteme ABS, ASR und ESP® helfen dem Fahrer, sicherer ans Ziel zu kommen. So reduziert ESP® die Gefahr des Schleuderns wesentlich. Wer beim Kauf eines Neuwagens auf Nummer sicher gehen will, sollte daher darauf achten, dass ESP® entweder bereits ab Werk an Bord ist oder als Sonderausstattung eingebaut wird – denn ein nachträgliches Ausrüsten des Fahrzeugs mit dem Sicherheitssystem ist nicht möglich. Auch bei Gebrauchtwagen sollte Fahrzeugen mit ESP® unbedingt der Vorzug gegeben werden.
Bildquelle: Robert Bosch GmbH