Bayerisches Staatsministerium für
Umwelt und Verbraucherschutz

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Klettersteigset – Klettersteige sicher begehen

Von: Reinhard Born - Regierung von Mittelfranken, Gewerbeaufsicht

Klettersteiggehen liegt voll im Trend. Dementsprechend haben sich nach Aussage des deutschen Alpenvereins (DAV) die Unfallmeldungen in den letzten 10 Jahren verdreifacht.

Tendenz steigend!

Die meisten Einsätze machen hierbei sogenannte „Blockierungen“ aus. Hierbei kann der Klettersteiggeher weder vor noch zurück und muss aus der Wand geborgen werden. Daraus resultiert, dass Klettersteiggeher den Gesamtanforderungen des gewählten Klettersteiges in zunehmendem Maße nicht gewachsen sind.

Wenn dazu wegen mangelnder Erfahrung und Ausbildung auch noch die Ausrüstung fehlerhaft gehandhabt wird, kommt es im Einzelfall zu tragischen Abstürzen mit tödlichem Ausgang. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand, der solche Abstürze verhindern soll, ist dabei das Klettersteigset.

Das Klettersteigset

Das Klettersteigset (KSS) unterliegt der Richtlinie für persönliche Schutzausrüstung (89/686/EWG) und dient allein dazu, einen tödlichen Absturz zu vermeiden. Hierzu muss es die Prüfanforderungen nach der EN-Norm 958 erfüllen. Erst dann darf es das CE-Zeichen mit der Nummer der prüfenden Stelle tragen und in den Verkauf gelangen.

Ein Klettersteigset ist daher keine Steighilfe oder ähnliches, um einen Klettersteig leichter und ohne entsprechende Ausbildung begehen zu können. Ein Klettersteigset ist, wie z.B. der Airbag im Auto, ein Einmalnotfallsystem und darf nach einem Sturz nicht mehr verwendet werden!!

Konstruktion

Y-System Klettersteigset

Ein modernes Klettersteigset besteht aus den Lastarmen mit Klettersteigkarabinern, Bandfalldämpfer und der Einbindeschlaufe.

Bei den modernen KSS handelt es sich um sogenannte Y-Systeme (siehe Bild). Hierbei sind die beiden (meist flexiblen) Lastarme an einem Ende mit einem Klettersteigkarabiner verbunden (Bei der Verwendung am Klettersteig sind immer beide Karabiner gleichzeitig einzuhängen). Das andere Ende ist mit einem Bandfalldämpfer fest vernäht. Am unteren Ende befindet sich die Einbindeschlaufe zur Befestigung des Klettersteigsets am Klettergurt. Diese ist ebenfalls mit dem Bandfalldämpfer fest vernäht, so dass von der Einbindeschlaufe bis zum Karabiner eine feste, tragfähige Einheit besteht.

Achtung:

Wie aus der jüngsten Pressemitteilung des Deutschen Alpenvereins (DAV) vom 30.8.2012 zu entnehmen ist, sind bei dem Gebrauch von Klettersteigsets mit flexiblen Armen gefährliche Mängel festgestellt worden. Die Prüfung des jüngsten Unfallmodells, bei dem ein 17 jähriger zu Tode kam, hat aufgezeigt, dass häufiges Dehnen der elastischen Bänder zu einer Schwächung der tragenden Fasern führt. Klettersteigsets ohne elastische Arme seien davon jedoch nicht betroffen. Welche Klettersteigsets von dem Mangel betroffen sind, kann der Tabelle in der o.g. Pressemitteilung entnommen werden. Diese sind auf jeden Fall sofort dem Gebrauch zu entziehen. Bei einem flexiblen Klettersteigset, dass nicht in der Tabelle aufgeführt wird, ist vor Verwendung unbedingt der Hersteller zu kontaktieren und zu erfragen, ob das Set ebenfalls betroffen ist.

Bandfalldämpfer

Bandfalldämpfer

Der Bandfalldämpfer besteht aus vernähten Bändern, bei denen im Sturzfall die Nähte ziehharmonika-ähnlich aufreißen. Auf diese Weise nimmt der Bandfalldämpfer die Sturzenergie auf.

Nach der Norm werden Klettersteigsets, ähnlich wie Kletterseile, dynamisch im Fallprüfstand mit 80 kg und einer Fallhöhe von 5 m geprüft. Dabei muss das Klettersteigset das Fallgewicht auf einer Strecke von 1,20 m und einem maximalen Fangstoß von 6 kN (ca. 600 kg) einmalig zum Stehen bringen können und auch halten. Das KSS darf auch erst ab einer Kraft von 1,2 kN (ca. 120 kg) ansprechen.
Dies soll verhindern, dass zum Beispiel beim Ausruhen im Klettersteigset durch das Eigengewicht des Klettersteiggehers Bremsreserven aufgebraucht werden.
Daher ist das Set bei Beschädigung, d.h. wenn ein Teil der Bandschlingen aus dem Päckchen herausschaut (gerissene Nähte), sofort auszutauschen.

Neben dem Bandfalldämpfer sind noch Falldämpfungssysteme mit Bremsplatten und durchgefädeltem Seil im Umlauf. Hierbei besteht das Bremsprinzip aus Reibung. Die normativen Prüfanforderungen gelten hier jedoch genauso wie für Bandfallsysteme.

Achtung!

Von Eigenkonstruktionen aus genähten Schlingen, Reepschnüren und ähnlichem, wie sie insbesondere bei Kindern verwendet werden, ist dringend abzuraten. Diese Materialien sind nicht für Energieaufnahme konstruiert und nehmen nur statische Kräfte auf.
Schwerste Verletzungen und Absturz sind im Ernstfall die Folgen!!!

Karabiner-Kennzeichnung

Karabiner

Für moderne Klettersteigsets dürfen nur automatisch verriegelnde Klettersteig-Karabiner nach EN 12275, Typ K verwendet werden. Die automatische Verriegelung des Klettersteigkarabiners soll verhindern, dass der Schnapper beim möglichem Sturz offen ist, da in diesem Falle nur weniger als die halbe Bruchlast gewährleistet ist.

Der Verriegelungsmechanismus besteht aus einem einfachen Hebel, der gleichzeitig mit dem Schnapper betätigt werden muss. (siehe Bilder).

Karabiner Bedienung (Bild 1)

Neben dem CE-Zeichen mit Nummer sind auch die Bruchlastwerte in Längsrichtung mit 27 kN (ca. 2700 kg), bei Querbelastung mit 8 kN und bei offenem Schnapper mit 10 kN angegeben. Je höher diese Werte sind, desto höher sind auch die Sicherheitsreserven im Belastungsfall. Die normativen Anforderungen zur Erlangung des CE-Zeichens stellen immer nur Mindestanforderungen dar.

Weiterhin trägt der gezeigte Karabiner zusätzlich noch das UIAA Karabiner Bedienung (Bild 2) Zeichen („Union Internationale Associations d Alpinisme“). Die Anforderungen der UIAA Normen sind höher, als die für das CE-Zeichen. Aber für den Verkauf von Kletterausrüstung in Europa nicht zwingend erforderlich.

Karabiner Bedienung (Bild 3)
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Besonderheiten

Die zur Zeit auf dem Markt befindlichen Klettersteigsets unterscheiden sich lediglich hinsichtlich der Bedienung und Gebrauchstauglichkeit. Das heißt, die Klettersteigsets sind mal länger, mal kürzer, die Karabiner unterschiedlich in Form und Handhabung. Manche Hersteller bieten zusätzliche integrierte Rastschlingen an, um auch einmal in der Tour verschnaufen zu können.

Gänzliche Neuerungen stellen Blockiersysteme dar, welche eine hohe Sturzweite bis zum nächsten Sicherungspunkt (bis zu 5 m möglich) verhindern sollen.

Für diese Blockiersysteme (ein Fabrikat ist auch zusätzlich zum Klettersteigset erhältlich, jedoch kein Ersatz dafür und nicht allein zu verwenden) gibt es aber keine eigene Prüfnorm. Diese sind nicht dafür konstruiert, Stürze aufzufangen. Sondern, um diese zu verhindern.

Einbinden mittels Ankerstich (Bild 1)

Einbinden

Das Verbinden des Klettersteigsets mit dem Klettergurt erfolgt mittels Ankerstich (siehe Bilder).

Hierbei wird einfach die Einbindeschlaufe des Klettersteigsets durch die Anseilschlaufe des Klettergurtes gesteckt und das ganze Set dann durch die Einbindeschlaufe hindurchgefädelt.

Einbinden mittels Ankerstich (Bild 2)

Achtung!

In der Regel wird beim Klettersteiggehen ein normaler Klettergurt, d.h. Sitzgurt verwendet. Bei Kindern oder schweren Personen bzw. Personen mit schwerem Rucksack ist die Verwendung eines zusätzlichen Brustgurtes oder eines Kombigurtes wegen des höheren Körperschwerpunktes generell zu empfehlen. Einbinden mittels Ankerstich (Bild 3)Eine gefährliche Rückenlage im Sturzfall soll damit vermieden werden.

Anwendungshinweise

Bei gelegentlicher, sachgerechter Benutzung ohne erkennbaren Verschleiß beträgt die max. Lebensdauer in der Regel 10 Jahre. Für Metallprodukte, wie Karabiner ist die maximale Lebensdauer zwar unbefristet, liegt aber üblicherweise zwischen 3 bis 10 Jahren. Für Textilprodukte beträgt diese dagegen ca. 2 bis 5 Jahre.

Bei Sturzbelastung oder Beschädigung ist das Produkt sofort dem Gebrauch zu entziehen. Und einer sachkundigen Person oder dem Hersteller zur Prüfung und gegebenenfalls Reparatur zuzuführen. Instandsetzungen, sofern sie möglich sind, dürfen nur in Übereinstimmung mit dem vom Hersteller angegebenen Verfahren durchgeführt werden.

Kinder und leichte Personen

Wie eine Untersuchung der DAV Sicherheitsforschung gezeigt hat, sind herkömmliche Klettersteigsets für Personen unter 50 kg nicht geeignet, da die Bremsen hier nicht mehr dämpfen!

Eine angestrebte Änderung der Prüfnorm ist bisher noch nicht erfolgt. Wir empfehlen deshalb, Kinder und leichte Personen in schwierigen, steilen Passagen zusätzlich mit einem Seil von oben zu sichern (Halbmastwurfsicherung).

Mittlerweile werden von einigen Herstellern schon Klettersteigsets mit einem verstellbaren Gewichtsbereich von 30 bis 80 kg angeboten. Da es aber hierfür noch keine Prüfnorm und entsprechende Untersuchungen gibt, sind diese Herstellerangaben mit Vorsicht zu genießen.

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Kauftipp

Da beim Klettersteiggehen die Karabiner bis zu mehrere hundert Mal umgehängt werden müssen, sollte man ein Set wählen, dass einem in der Handhabung der Karabiner besonders gut liegt. Eine integrierte Rastschlinge kann nützlich sein. Als zusätzliches Bauteil kann sie bei unsachgemäßer Handhabung aber auch zur Fehlbedienung führen.

Wenn das Set neben dem CE-Zeichen dann noch das UIAA Zeichen trägt, ist dies ein weiterer Pluspunkt. Die UIAA Norm schreibt nämlich neuerdings zusätzlich eine Nassprüfung im Falltest vor, um auch die Sicherheit bei Nässe und Wettersturz zu gewährleisten.

Vollständige Ausrüstung

Eine vollständige Ausrüstung beinhaltet:

  • Klettersteigset
  • Helm
  • Handschuhe
  • entsprechendes Schuhwerk
  • Kleidung
  • Notfallausrüstung

Wichtig ist auch eine entsprechende Ausbildung.

Klettersteigkurse werden von den Alpenvereinen sowie von privaten Institutionen vor Ort (Bergführer) angeboten.

Fazit

Stürze auf dem Klettersteig führen in der Regel zum häufigen Anschlagen am Fels. Entsprechende Verletzungen sind die Folge. Bei Unfällen mit Sturz in das Klettersteigset ist es deshalb unmöglich, die Tour fortzusetzen!

Diese Stürze können auch nicht wie im Sportkletterbereich trainiert werden (wer würde auch zum Testen seines Airbags mal kurz mit seinem Auto an die Wand fahren?).
Stürze sind beim Begehen von Klettersteigen unbedingt zu vermeiden. Eine entsprechende körperliche Vorbereitung und Ausbildung ist hierzu unabdingbar.

Bisher ist nur ein Unfall bekannt, bei dem es durch einen Materialfehler des Klettersteigsets zu einem Absturz des Klettersteiggehers kam. Um solche tragischen Einzelfälle zukünftig zu vermeiden, kommt es schon bei geringsten Anzeichen von eventuellen Schwachstellen am Klettersteigset zu vorsorglichen Rückrufaktionen der Hersteller. Diese Rückrufaktionen sind unbedingt zu beachten.

Mit über 1.600 eingerichteten Steigen im gesamten Alpenraum bietet das Klettersteiggehen faszinierende und vielfältige Möglichkeiten, um im alpinen Gelände unterwegs zu sein. Wenn mit dem nötigen „Know how“, entsprechender Ausrüstung und Tourenplanung an die Sache herangegangen wird, kann das Gesamtrisiko bei dieser Sportart deutlich gesenkt und das Vergnügen dabei erhöht werden.

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Bildnachweis:
(UIAA-Label) © UIAA
(Klettersteig) © Fredvonschleck - Fotolia.com
(restl. Bilder) © Bayerische Gewerbeaufsicht