Freie Datenübermittlung oder Diskriminierung im Netz
In den Medien kann man derzeit häufig lesen, dass das Netz „offen für alle“ und „neutral“ sein muss oder dass bestimmte Gruppierungen sich dagegen wehren, dass die „Freiheit des Netzes“ eingeschränkt wird. Auch die Politik befasst sich regelmäßig auf vielen Ebenen mit der Thematik. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesen Diskussionen? Ist die Nutzung des Internets für alle in der gleichen Form möglich oder werden einzelne Dienste oder Nachrichten gegenüber anderen privilegiert? Und wenn ja, gibt es dafür eine Grundlage?
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Hintergrund
Den Gründungsvätern des WorldWideWeb, des Internets, so wie wir es heute kennen, war es wichtig, dass sich alle Individuen frei im Netz „bewegen“ konnten. Alle Dienste, zum Beispiel E-Mails, Bilder und Einträge in Netzwerke, sollten unabhängig davon, wer was an wen sendet gleichberechtigt übermittelt werden.
Mit der massiven Zunahme der Zahl der Internetnutzer, von 37 % im Jahre 2001 auf heute 76 % allein in Deutschland (Quelle: (N)ONLINER Atlas der Initiative D21, www.nonliner-atlas.de), und dem rasanten Anstieg des transportierten Datenvolumens im Internet (zum Vergleich: Nach dem Cisco Visual Networking Index wird etwa der Datenverkehr im Internet bzw. in öffentlichen und privaten IP-Netzen bis 2016 mit einem Volumen von 1,3 Zettabyte pro Jahr/110 Exabyte pro Monat den Wert aus dem Jahr 2011 um fast das Vierfache übersteigen. Ein Zettabyte entspricht einer Trilliarde Byte bzw. einer Billion Gigabyte, www.cisco.com) wurden jedoch die Infrastrukturanbieter und -dienstleister vor immer größere Probleme gestellt, wie man dieser Zunahme Herr werden könnte. In der Folge wurden einzelne Dienste durch die Anbieter priorisiert. In Einzelfällen kam es auch dazu, dass der Zugang zu bestimmten Diensten oder die Nutzung bestimmter Dienste durch den Provider blockiert wurden.
Netzneutralität versus Netzwerkverwaltung?
Viele Inhalteanbieter, aber auch Verbraucherverbände, propagieren die Netzneutralität, also den gleichberechtigten Transport aller Dienste und Daten im Internet. Hauptargument ist hierbei, dass es ansonsten einzelnen möglich sei, bestimmte Dienste bewusst zu verzögern oder gar zu blockieren. Dies sei nicht nur mit dem Freiheitsgedanken eines demokratischen Internets unvereinbar, auch seien hier massive Eingriffe in den Wettbewerb denkbar. So könnte sich etwa Provider A entschließen, bestimmte Dienste eines Anbieters B gezielt zu benachteiligen. Würden dann Nutzer aufgrund dieser Konstellation zu Anbieter C wechseln, könnte dies erhebliche wirtschaftliche Probleme bei Anbieter B hervorrufen. Problematisch wäre dies vor allem bei Diensten, die entweder eine gewisse Geschwindigkeit bei der Netznutzung („Bandbreite“) voraussetzen oder bei denen die Reaktions- beziehungsweise Verzögerungszeiten („Latenzzeit“) von entscheidender Bedeutung sind, wie etwa in der Computerspielindustrie.
Anders argumentieren insbesondere die Telekommunikationsanbieter. Sie verweisen auf die immensen Datenmengen, die es tagtäglich zu transportieren gilt und die einer effizienten und effektiven Netzwerkverwaltung bedürfen. Anders sei nicht zu gewährleisten, dass Datenstaus verhindert und eine Grundübertragungsqualität bei allen Datenübermittlungen eingehalten würden. Außerdem weisen sie auf die unterschiedlichen Transportbedürfnisse der zu übermittelnden Daten hin. Ein einfaches Telefongespräch über das Netz müsse anders behandelt werden dürfen als etwa eine komplexe Telemedizindienstleistung.
Ein weiteres Problem dabei sei aber, so die Verfechter des diskriminierungsfreien Internets, dass die Daten im Rahmen einer Netzwerkverwaltung zuvor zwingendermaßen auf ihren Inhalt überprüft werden müssen (sog. „deep-packet-inspection“), denn ansonsten wüssten die Provider nicht, um welche Art von Daten es sich handele. Die Folge könne eine gravierende Beeinträchtigung der Privatsphäre der Nutzer oder gar Zensur im Internet sein - zumal verschlüsselte Daten nicht transportiert würden, da in diesem Fall der Provider ja nicht „nachsehen“ kann, was er da befördern soll.
Beide Seiten sind sich jedoch einig, dass auf jeden Fall massiv in den Infrastrukturaufbau investiert werden müsse. Die kommenden Anwendungen und interaktiven Dienste ließen ein Datenaufkommen erwarten, das mit der bestehenden Infrastruktur nicht zu bewältigen sei.
Lösungsansätze
Die Argumente beider Seiten sind einleuchtend und stichhaltig. Einerseits ist anzuerkennen, dass die enorme Innovationskraft des Netzes und die Vielfalt der dort vertretenen Anwendungen und Dienste in der Offenheit und grundsätzlichen Chancengleichheit aller Angebote begründet liegen. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die - rein theoretisch mögliche - Beeinflussung der Netzströme durch einzelne Anbieter sowie die mit der notwendigen deep-packet-inspection verbundene Gefahr des Verlusts der Privatsphäre bei vielen Unbehagen auslöst.
Andererseits sind auch die Begründungen der Befürworter einer Netzwerkverwaltung beziehungsweise eines Netzwerkmanagements plausibel. In Anbetracht der begrenzten Ressource Netzkapazität vermag es gerade nicht zu überzeugen, dass die Chat-Verabredung für einen Kinobesuch gegenüber der hochkomplexen Telemedizinanwendung nicht zurückstehen soll, zumal es sich bei der bewussten Verzögerung in der Regel nur um kaum wahrnehmbare Zeiträume im Sekundenbereich handelt und die Anbieter sich schon heute verpflichten, die bestmögliche Übertragung aller Daten im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu erbringen („Best Effort- Prinzip“).
Fazit
Wenn alle das Netz bestmöglich nutzen wollen, wird man realistischerweise um ein effizientes Netzwerkmanagement nicht herumkommen. Die prognostizierten Wachstumszahlen lassen eher eine Verknappung der Ressource Netzkapazität vermuten als eine Entspannung der Situation. Und das, obwohl die Industrie immer bessere Infrastruktur-Lösungen entwickelt, so dass immer mehr Daten transportiert werden können. Auch Maßnahmen und Vorhaben wie das neue Internet-Protokoll, Version 6 (kurz „IPv6“), werden die Datenübertragungsprobleme nicht vollumfänglich lösen können. Die bereits oben erwähnte Cisco-Studie geht von fast 19 Milliarden an das Internet angebundene Geräte bis 2016 aus. Jeder Deutsche wird dann voraussichtlich fünf internetfähige Endgeräte nutzen.
Welche der verschiedenen angedachten oder bereits angebotenen Lösungen (zum Beispiel: Einteilung der Daten in Güteklassen, für die jeweils unterschiedliche Gebühren anfallen) letztlich genutzt wird, kann hier dahinstehen. Wichtig ist, dass das Verfahren dem Nutzer transparent gemacht wird und er die Möglichkeit hat, seine Daten auch auf anderem (besserem) Wege – zum Beispiel durch einen Wettbewerber - befördern zu lassen. Auch muss gegebenfalls eine (staatliche) Stelle zum Eingreifen befugt sein, wenn sich abzeichnen sollte, dass etwa in Ermangelung einer Wettbewerbssituation der Nutzer keine Möglichkeit hat, sich der Dienste anderer Provider zu bedienen und der aktuelle Provider diese Zwangslage bewusst ausnutzt.
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