In den letzten Jahren steigt zunehmend die Erkenntnis, dass eine Gruppe von natürlichen, strukturell sehr unterschiedlichen Giftstoffen, die durch Schimmelpilze gebildet werden, so genannte Mykotoxine, regelmäßig in Ernteprodukten wie Cerealien, ölhaltigen Samen und Früchten vorhanden sind und Ursache von Vergiftungen bei Mensch und Tier sein können.
Die Gefährlichkeit der Mykotoxine wurde lange Zeit nicht erkannt bzw. unterschätzt. Erst als 1960 nach einem Massensterben junger Puten als Ursache das Mykotoxin Aflatoxin entdeckt wurde, setzten weitere Untersuchungen zum Vorkommen und der Erforschung der Mykotoxine ein.
Bisher kennt man mehr als 300 verschiedene Mykotoxine, die etwa 25 Strukturtypen zugeordnet werden und aufgrund ihrer unterschiedlichen chemischen Strukturen verschiedene toxische Wirkungen zeigen.
Mykotoxine sind natürliche, sog. sekundäre Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen (manchmal auch als Naturstoffe bezeichnet). Im Gegensatz zu den Produkten des Primärstoffwechsels sind diese Substanzen nicht bei allen Organismen zu finden, sondern sind charakteristisch für ihren Produzenten (wie z.B. Farbstoffe, Aromastoffe oder Antibiotika).
Mykotoxine sind demnach als von Schimmelpilzen gebildete Sekundärmetaboliten definiert, die toxische Wirkungen vor allem gegenüber Tieren und Menschen haben bzw. eine Mykotoxikose verursachen. Sie stellen neben den Antibiotika die zweite große von Mikroorganismen synthetisierte Wirkstoffgruppe dar. Ebenso wie antibiotikabildende Mikroorganismen sind mykotoxinbildende Schimmelpilzarten weltweit verbreitet. Nicht zu den Mykotoxinen gezählt werden die Giftstoffe, die in bestimmten höheren Pilzen (z.B. Knollenblätterpilz) enthalten sind.
Die Funktion der Mykotoxinbildung im Stoffwechsel der Pilze ist bisher nicht bekannt. Diskutiert werden metabolische Kontrollfunktionen sowie eine ökologische Rolle bei Interaktionen mit anderen Organismen. Im Gegensatz zu den Produkten des Primärstoffwechsels sind diese sekundären Stoffwechselprodukte nicht bei allen Organismen zu finden, sondern sind charakteristisch für ihren Produzenten. Dazu werden sie oft nur unter bestimmten Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen, bei reichlichem Nährstoffangebot oder in bestimmten Entwicklungsphasen gebildet. Oft entsteht nicht nur eine Substanz, sondern eine ganze Familie chemisch verwandter Verbindungen.
Mykotoxine sind weitgehend hitzestabil und werden daher bei der Nahrungsmittelverarbeitung in der Regel nicht zerstört.
Im Gegensatz zu den meisten Bakterientoxinen, die Proteine sind und daher eine Antikörperreaktion auslösen, führen Mykotoxine wegen ihres niedrigen Molekulargewichts zu keiner Antikörperbildung und damit nicht zu einer echten Immunabwehr.
Die Wirkung der Mykotoxine kann, abhängig von der Toxinart, akut und chronisch toxisch sein.
Die Symptome der akuten Vergiftung in Tieren sind z.B.
Nerventoxine können ohne sichtbare Ursache
Toxinmengen, die keine akuten Krankheitssymptome auslösen, können
Mykotoxine haben die Menschheit seit Beginn des organisierten Nahrungsmittelanbaus bedroht. Der Ergotismus, eine Krankheit, die nach Verzehr von Mutterkorn auftritt, wird bereits in der Bibel beschrieben. An Mutterkornvergiftung starben im Mittelalter Hunderttausende von Menschen. Andere Daten weisen daraufhin, dass auch die Giftstoffe von Fusarienpilzen schon im Europa des Mittelalters bis hin zur amerikanischen Kolonialzeit eine bedeutende Krankheitsursache waren.
Die Suche nach Mykotoxinen war ursprünglich eine Untersuchung einzelner menschlicher oder tierischer Erkrankungen, für die man keine Ursachen wie Mikroorganismen, Pflanzengifte, Schwermetalle oder Pestizidrückstände finden konnte. Schritt für Schritt wurde es klar, dass verschimmeltes Tierfutter oder mit Schimmelpilzen infizierte Futtermittel für eine Reihe von Erkrankungen bei Nutztieren verantwortlich waren, wie z.B. das Östrogensyndrom bei Schweinen, Futterverweigerung oder eine Erkrankung von Truthähnen, die "Turkey X Disease". Dass dieselben Verbindungen auch in menschlichen Nahrungsmitteln vorhanden sein können und dann möglicherweise Ursache von Krankheiten sind, zeigte sich erst nachdem die Untersuchungsmethoden genauer wurden und man in der Lage war, eine Vielzahl von Lebensmitteln und Lebensmittelbestandteilen zu untersuchen.
Die Mykotoxinkontamination von Lebens- und Futtermitteln ist ein weltweites Problem. Die UN Food and Agriculture Organization (FAO) schätzt, dass bis zu 25% der Weltproduktion von Nahrungsmitteln mit Mykotoxinen kontaminiert sind. Etwa 20% der Cerealienernte der EU enthalten messbare Mengen von Mykotoxinen. Über die Wirkung geringer Mengen oder einer Mischung von Mykotoxinen - vor allem bei lebenslanger Aufnahme - liegen dagegen kaum Erkenntnisse vor.
Die Aufnahme von Mykotoxinen über die Nahrung stellt sicher die wichtigste Quelle einer Mykotoxinbelastung dar, eine weitere Belastung kann aber auch durch Inhalation von Pilzsporen erfolgen.
Schimmelpilze bereiten sich gerne in feucht-warmen Milieu aus, besonders an weichen, stark wasserhaltigen Lebensmitteln (z. B. Kirschen, Bild links).Wegen des hohen Standards der Nahrungsmittelproduktion in Mitteleuropa und anderen entwickelten Staaten wird hier eine akute Gefährdung durch Mykotoxine als gering eingeschätzt.
Wo Gefahren erkannt werden, werden wirksame gesetzliche Maßnahmen ergriffen.
In subtropischen und tropischen Gebieten bestehen nach den Ergebnissen epidemiologischer Untersuchungen zum Teil erhebliche Risiken, die unter anderem durch Klima, besondere Eßgewohnheiten,
mangelhafte Lagertechniken und Ausbildungsmangel verursacht werden.
Mykotoxine werden von Schimmelpilzen während des Wachstums gebildet. Ein üppiges Pilzwachstum muss aber nicht gleichzeitig mit einer starken Toxinbildung verbunden sein, umgekehrt kann auch ein schwaches Pilzwachstum eine starke Toxinbildung zur Folge haben. Die Pilze wachsen nicht nur an der Oberfläche, sondern dringen tief in das Ernteprodukt oder Lebensmittel ein. Mykotoxine werden entweder in das Substrat, auf dem die Pilze wachsen ausgeschieden, oder in den Zellen eingelagert und dann freigesetzt, wenn das Pilzmyzel (Zellverbund der Pilzfäden) auseinander bricht. Auch die Sporen der Schimmelpilze können Mykotoxine enthalten. Nicht alle Schimmelpilze bilden Mykotoxine. Meist sind es nur bestimmte Arten, wobei sich das Toxinbildungsvermögen bei einer Art wiederum von Stamm zu Stamm stark unterscheiden kann.
Nahrungsmittel bilden ideale Voraussetzungen für die meisten Schimmelpilzarten: Kohlenhydrate, pflanzliche und tierische Öle, organisch und anorganisch gebundener Stickstoff erlauben bei günstiger Temperatur, günstigem pH-Wert und ausreichendem Wassergehalt ein optimales Wachstum.
Die Lebensmittelrohstoffe sind von Toxinbildnern befallen und werden dadurch toxinhaltig. Während der weiteren Verarbeitung wird das Pilzmyzel so zerkleinert und fein verteilt, dass es im Endprodukt nicht mehr sichtbar ist. Der Konsument kann dann eine mögliche Kontamination mit Mykotoxinen nicht erkennen. Bei Getreide unterscheidet man aus landwirtschaftlicher Sicht bei den mykotoxinbildenden Pilzen sogenannte Feldpilze und Lagerpilze. Die Feldpilze siedeln sich meist auf grünen Pflanzen an und können Pflanzenkrankheiten mit entsprechenden Ernteverlusten verursachen. Pflanzenbefall und Toxinbildung müssen aber nicht mit Ertragsverlusten verbunden sein. Lagerpilze treten meist erst nach der Ernte bei der Lagerung auf.
Das fertige Lebensmittel verschimmelt und wird somit mit Mykotoxinen kontaminiert. An der wachsenden, oft schon charakteristisch durch Konidien(Sporen)bildung verfärbten Pilzkolonie kann der Konsument ein mögliches Mykotoxinrisiko erkennen.
Bei Nutztieren, die toxinhaltige Futtermittel aufgenommen haben, können einzelne Mykotoxine in unveränderter oder metabolisierter Form in verschiedenen Organen abgelagert oder ausgeschieden werden. Auf diese Weise können Lebensmittel tierischer Herkunft (Fleisch, Eier, Milch, Milchprodukte) Mykotoxine enthalten, ohne dass das Produkt selbst verschimmelt ist. Auch eine solche Kontamination ist äußerlich nicht erkennbar.
Bisher wurden weit über 300 Mykotoxine beschrieben und von mehr als 250 Schimmelpilzarten ist bekannt, dass sie diese Stoffe bilden können. Während einige Mykotoxine nur von einer begrenzten Zahl von Arten synthetisiert werden, werden andere wiederum von vielen Arten aus unterschiedlichen Pilzgattungen gebildet. Viele werden nur unter Laborbedingungen in relevanten Mengen gebildet, und nur eine relativ geringe Zahl kommt häufig und in höheren Konzentrationen natürlich vor und ist damit für die Lebensmittelsicherheit von Bedeutung.
Da Mykotoxine chemisch sehr stabile Verbindungen sind und es nur wenige und beschränkt wirksame Methoden zu ihrer Detoxifizierung gibt, ist die entscheidende Präventivmaßnahme die Verhinderung der Verschimmelung von Futter- und Lebensmitteln. In der Praxis kann dies nur durch Reduktion von Pilzinfektionen stattfinden. Wichtige Vorraussetzungen liegen hierfür im agrartechnischen Bereich durch Auswahl der Fruchtfolge, Anbau standortgerechter Sorten, schonende Ernteverfahren und im Bereich der sachgemäßen Lagerung, Verarbeitung und Konservierung von Futter- und Lebensmitteln.
Für den Haushalt sind folgende Punkte zu beachten:
Verschimmelte Produkte dürfen auf keinen Fall an Tiere verfüttert werden, da Mykotoxine Tiere genauso schädigen können wie den Menschen!