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Vitamin- und Mineralstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel - früher und heute

Von: Dr. Else Baur - Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Obst und Gemüse

In der Werbung für Vitamin- und Mineralstoffpräparate wird manchmal der Eindruck geweckt, dass diese Präparate für eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen in der heutigen Ernährung notwendig sind, weil die verfügbaren pflanzlichen Lebensmittel im Vergleich zu früher weniger Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Denn durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung seien die Böden an Nährstoffen verarmt. Die Pflanzen, die auf diesen Böden wachsen, enthielten somit auch weniger Nährstoffe.

Wissenschaftlich begründet sind diese Aussagen jedoch nicht.

Zu berücksichtigen ist, dass in Nährwerttabellen für den Gehalt an einem Nährstoff immer der Mittelwert angegeben wird. Der Mittelwert ist der Durchschnitt aus mehreren einzelnen Messwerten, wobei sich die Einzelwerte stark unterscheiden können. Die Schwankungen bei den Einzelwerten sind darauf zurückzuführen, dass der Nährstoffgehalt von Pflanzen nicht nur vom Boden, sondern von vielen anderen Faktoren wie z. B. Sorte, Standort, Klima, Anbauform, Düngung, Wachstumsprozess, Erntezeitpunkt, Reifegrad, Transport und Lagerung abhängen kann. Auch bei Untersuchungen eingesetzte unterschiedliche Analysenmethoden können für Unterschiede in den Messwerten verantwortlich sein (1).

Schwankungen im Nährstoffgehalt - welche Ursachen stecken dahinter?

Welche Schwankungen im Nährstoffgehalt auftreten können, wird im Folgenden anhand einiger Beispiele aufgezeigt.

Eine Verringerung des Nährstoffgehalts pflanzlicher Lebensmittel infolge Verarmung der Böden an Nährstoffen ist unwahrscheinlich, da die Böden in der modernen Landwirtschaft gezielt gedüngt werden und der Nährstoffgehalt im Boden z. T. auch durch Bodenanalysen überprüft wird. Ein Mangel oder Fehlen von Nährstoffen im Boden würde sich direkt auf den Pflanzenstoffwechsel auswirken und zu vermindertem Wachstum und geringeren Erträgen führen.

Halber Apfel

Schwankungen in Abhängigkeit von der Sorte

Der genetische Einfluss, das heißt Schwankungen im Nährstoffgehalt in Abhängigkeit von der Sorte sind in den beiden folgenden Tabellen dargestellt.

Tabelle 1: Sortenunterschiede im Vitamin C-Gehalt von Äpfeln (1)

Vitamin C-Gehalt (mg/100g)
Sorte Mittelwert Schwankungsbereich Anzahl der Bestimmungen
Berlepsch 27 (11-38) 12
Boskop 14 (6-17) 5
Braeburn 24 (19-30) 16
Cox Orange 12 (9-13) 2
Elstar 8 (3-11) 6
Fiesta 7 (6-8) 5
Gala 13 (7-19) 9
Gloster 6 (5-7) 2
Golden Delicious 12 (9-15) 5
Jonagold 26 (23-28) 6
Pilot 14 (10-23) 12
Pinova 8 (7-9) 4
Red Delicious 9 (6-13) 13
Rubinette 14 (12-17) 4

Quelle: Untersuchungsergebnisse der Bundesforschungsanstalt für Ernährung, Karlsruhe; Anbaugebiete: Süddeutschland (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern); Erntejahre: 1988 bis 1997 (je nach Sorte 1 bis 4 Erntejahre)

In Tabelle 1 sind die Vitamin-C-Gehalte von 14 Apfelsorten zusammengefasst, welche über einen Zeitraum von 10 Jahren in Süddeutschland untersucht wurden.
Bei den Mittelwerten der einzelnen Sorten treten Konzentrationsunterschiede bis zu 350 % auf (Sorten Berlepsch und Gloster). Innerhalb jeder Sorte sind ebenfalls zum Teil relativ hohe Schwankungen festzustellen, wobei hier auch der klimatische Einfluss verschiedener Erntejahre hinzukommen kann.
Sortenunterschiede im Nährstoffgehalt weiterer Obst- und Gemüsearten können der Tabelle 2 entnommen werden.

Tabelle 2: Sortenunterschiede im Nährstoffgehalt verschiedener Früchte und Gemüse (1)

Konzentration/100 g essbarem Anzeil
Lebensmittel Anzahl der Sorten Nährstoff Mittelwert Schwankungsbereich
Apfel 14 Vitamin C 16 mg (3-38)
Kiwi 12 Vitamin C 121 mg (73-241)
Erdbeere 12 Vitamin C 53 mg (32-74)
Paprika, rot 10 Vitamin C 173 mg (88-243)
Sanddornbeere* 41 Vitamin C 400 mg (< 100-1300)
Himbeere 4 Vitamin C 28 mg (22-31)
Mango 4 Vitamin B6 0,133 mg (0,086-0,166)
Paprika, rot 10 ß-Carotin 1,5 mg (0,1-2,9)
Brokkoli 8 ß-Carotin 1,0 mg (0,4-1,5)
Brokkoli 8 Lutein 1,2 mg (0,6-1,7)
Erdbeere 13 Folat 0,047 mg (0,030-0,069)
Banane 4 Kalium 331 mg (300-405)
Aubergine ** 4 Kalium 166 mg (118-195)
Banane 4 Phosphor 59 mg (43-76)
Aubergine ** 4 Phosphor 40 mg (35-50)
Banane 4 Calcium 10 mg (8-16)
Aubergine ** 4 Calcium 13 mg (7-28)
Banane 4 Eisen 1,1 mg (0,8-1,4)
Aubergine ** 4 Eisen 1,4 mg (1,0-2,0)

* frischer Saft
** Fruchtfleisch

Schwankungen in Abhängigkeit vom Reifeprozesses

Im Verlauf des Reifeprozesses verändert sich der Nährstoffgehalt. Bei verschiedenen Gemüse- und Obstarten wurden während der Reifung unterschiedliche Tendenzen in den einzelnen Mineralstoffkonzentrationen festgestellt.
Dies trifft auch für den Vitamin C-Gehalt zu. In Tabelle 3 sind die untersuchten Obst- und Gemüsearten entsprechend der Konzentrationsveränderung des Vitamin-C-Gehalts Gruppen zugeordnet.

Tabelle 3: Konzentrationsveränderungen von Vitamin C bei der Reifung verschiedener Obst- und Gemüsearten (1)

Konzentrationsabnahme Konzentrationszunahme
  • Acerola
  • Kiwi
  • Sanddornbeere
  • Orange
  • Grapefruit
  • Tangerine
  • Apfel
  • Mango
  • Banane
  • Tomate
  • Paprika
  • Gewürzpaprika
  • Pfirsich
  • Aprikose
  • Papaya

Schwankungen in Abhängigkeit von der Sonneneinstrahlung

Studien zum Vitamin-C-Gehalt in Orangen desselben Baumes ergaben, dass die Konzentration mit der Intensität des eingestrahlten Sonnenlichtes korrelierte. Schattenfrüchte wiesen signifikant weniger Vitamin C auf als Früchte, die der direkten Strahlung ausgesetzt waren. Dieser Zusammenhang wurde durch Untersuchungen an weiteren pflanzlichen Lebensmitteln bestätigt.
Studien zur Vitamin-C-Verteilung in Kopfsalat und Brokkoli ergaben ein Konzentrationsgefälle von außen nach innen innerhalb eines Salatkopfes und beim Brokkoli entsprechend höhere Konzentrationen in den Röschen im Vergleich zu den Stängeln (1).

Schwankungen aufgrund der Bedingungen von der Ernte zum Teller

Pflanzliche Lebensmittel werden nach der Ernte im allgemeinen nicht gleich verzehrt, da sie zuerst zum Verbraucher transportiert werden müssen. Ungünstige Bedingungen wie zu lange Transport- bzw. Lagerzeiten und hohe Lagertemperaturen führen zu Vitaminverlusten.

Untersuchungsgeräte für &#xD;&#xA; Lebensmittel

Schwankungen in Abhängigkeit von der Gewinnung der Nährstoffdaten

Beim Vergleich des Nährstoffgehalts von pflanzlichen Lebensmitteln über einen längeren Zeitraum müssen auch die Unterschiede in der Gewinnung der Nährstoffdaten berücksichtigt werden.
In diesem Zusammenhang ist besonders erwähnenswert, dass sich die Analytik der Lebensmittelinhaltsstoffe, insbesondere die der Vitamine, in den letzten Jahrzehnten sehr verbessert hat und somit differenziertere Aussagen getroffen werden können.
Nährstoffdaten, die über Jahre hinweg nach gleichen Kriterien gewonnen wurden, liegen nicht vor, sodass weder auf einen veränderten noch auf einen gleich gebliebenen Nährstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel im Verlauf von Jahren geschlossen werden kann.
Um dennoch einen Eindruck des zeitlichen Verlaufs der Konzentrationen von Vitaminen und Mineralstoffen in pflanzlichen Lebensmitteln zu vermitteln, sind in Tabelle 4 exemplarisch die Vitamin- und Mineralstoffgehalte der Tomate aus verschiedenen Nährwerttabellen der letzten 50 Jahre zusammengestellt.

Tabelle 4: Vitamin- und Mineralstoffgehalt der Tomate im Verlauf der letzten 50 Jahre bezogen auf 100 g essbaren Anteil (1)

Tomate Ein-
heit
Schwan-
kungs-
bereich (2)
2003 2000 1996 1991 1986 1983 1979 1976 1972 1954
Mineralstoffe g 0,60-0,61 0,5 0,6 0,6 n.a. 0,6 0,5 0,6 n.a. 0,5 0,6
Natrium mg 1,0-33 5 3 11 9 5 7 6 3 4 125
Kalium mg 92-375 235 240 195 250 275 215 295 290 235 315
Magnesium mg 5-20 11 12 9 7 10 7 20 11 15 51
Calcium mg 4,0-21 10 9 10 7 11 10 14 13 7 43
Eisen µg 230-950 270 330 480 500 240 230 500 400 600 1600
Phosphor mg 8-53 24 22 30 24 25 30 26 21 30 40
Kupfer µg 36-90 59 58 39 10 n.a. 42 90 100 190 60
Vitamin C mg 10-29 13 19 20 17 20 20 24 20 23 50
Thiamin µg 20-80 37 57 43 90 40 40 57 60 60 120
Riboflavin µg 20-50 19 35 20 10 50 30 35 40 40 200
Niacin µg 300-850 595 530 700 1000 700 700 530 700 600 650
Pyridoxin µg 74-150 80 100 89 140 100 100 100 110 80 250
Folat µg 11-50 15 22 26 17 9 6 8 28 6 130
Vitamin A (RÄ)* µg 25-123 42 97 165 105 100 100 135 100 85 550
Vitamin E (TÄ)** µg 355-1210 540 813 740 1220 340 740 n.a. 1200 n.a. n.a.

n.a. = nicht analysiert
*     Retinol-Äquivalent = [Retinol + ß-Carotin/6 + andere Vitamin A aktive Carotinoide/12]
**    Gesamtaktivität von Vitamin E (?-Tocopherol-Äquivalent) angegeben als mg oder µg RRR-?-Tocopherol

Im Ernährungsbericht 2004 sind noch für sieben weitere Lebensmittel (Karotte, Spinat, Apfel, Orange, Kartoffel, Weinbeere und Weizen) Daten der letzten 50 Jahre zum Vitamin- und Mineralstoffgehalt zusammengestellt.
Die Werte für den Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen liegen bei diesen Lebensmitteln mit einigen Ausnahmen im Bereich der in der Souci-Fachmann-Kraut-Datenbank (2) angegebenen Schwankungsbreiten.
Die Daten von 1954 liegen in einigen Fällen über den Obergrenzen der Schwankungsbereiche, bedingt durch den damaligen Stand der Analytik.
Die Schwankungsbereiche resultieren aus den oben genannten Einflussfaktoren.

Insgesamt lässt sich aus den vorliegenden Werten keine Tendenz zu sinkenden oder steigenden Nährstoffkonzentrationen ausgewählter Lebensmittel in dem angegebenen Zeitraum feststellen. Ähnliche Ergebnisse werden auch in anderen Studien beschrieben. (3,4)

Quellen und weiterführende Informationen

(1) Kirchhoff, Eva: Vitamin- und Mineralstoffgehalt pflanzlicher Lebensmittel in: Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. (Hrsg.): Ernährungsbericht 2004, Bonn, S. 207 - 234

(2) Scherz, H., Senser, F: Souci-Fachmann-Kraut / Die Zusammensetzung der Lebensmittel ? Nährwerttabellen, 6. Auflage, Medpharm Scientific Publishers, Stuttgart, 2000

(3) The Danish Veterinary and Food Administration`s Monitoring Programm 1983-1999: The vitamin and mineral content is stable, 2004

(4) Cunningham et al. (2003) Food Standards Australia New Zealand (FSANZ): " Minerals in Australian fruits and vegetables - a comparison of levels between the 1980s and 2000"

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