Bayerisches Staatsministerium für
Umwelt und Verbraucherschutz

Meeresfisch aus Aquakultur – unverzichtbar, aber nicht ganz unproblematisch

Von: Gisela Horlemann - VerbraucherService Bayern

DFische auf Eis, Quelle: LGLer Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch und Meeresfrüchten ging im Jahr 2011 leicht auf 15,6 kg zurück. Weltweit wird immer mehr Fisch gegessen, doch die Meere sind leergefischt. Also züchtet man Fische. Das gelingt inzwischen nicht nur bei Süßwasserfischen, auch Lachs, Seebrasse oder Meerbarbe, Muscheln oder Shrimps kommen inzwischen aus Zuchtbetrieben. Die sind mittlerweile verteilt über die ganze Welt. So stammt der Zuchtlachs aus Norwegen, Chile oder Irland, Shrimps kommen aus Thailand und Chile, Barben gedeihen in der Adria. Ein Drittel aller Fische wächst inzwischen in Aquakultur auf. Doch diese Zuchtweise hat nicht nur Vorteile, sie wirkt sich oft auch ungünstig auf das Meer und den Fisch aus.

Generelles zur Aquakultur

Aquakultur befasst sich mit der kontrollierten Aufzucht und Haltung von Organismen, die im Wasser leben. Dazu zählen Tiere wie Fische, Muscheln oder Krebstiere aber auch Pflanzen wie beispielsweise Algen. Die Aquakultur im Meer wird auch als Marikultur bezeichnet.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, Fische zu züchten. Die gängigste ist die Zucht in Netzgehegen. Je nach Ansprüchen des Fisches befinden sich die Netze im Brackwasser, in Fjorden oder in geschützten Buchten in Küstennähe. Die Behälter sind im Meeresboden verankert, so dass sie nicht davonschwimmen können. Auf diese Weise werden Lachse gezüchtet, Goldbrassen oder Wolfsbarsch, aber auch Kabeljau, Steinbutt und Weißer Heilbutt gewinnen an Bedeutung. Ganz neu und in der Testphase sind Riesengehege, die unverankert kilometerweit vor der Küste im freien Meer schwimmen. Netzgehege haben den Vorteil, dass sie ständig von frischem Wasser durchspült werden.
Außer in Netzanlagen werden Fische und Meeresfrüchte in geschlossenen Kreislaufanlagen, Durchlaufanlagen und in Teichen gezüchtet. So genannte Kreislaufanlagen machen durch die Verwendung von spezieller Filtertechnik und Wasserbehandlung das genutzte Frischwasser wieder verwendbar. Hier kann Fisch in Seewasser oder Süßwasser erzeugt werden, ohne von einer natürlichen Wasserquelle von einem Bachlauf oder Fluss gespeist zu werden. Der Zuchtbetrieb ist an eine Wasserleitung angeschlossen. Das Wasser wird mit Mineralstoffen angereichert und auch Temperatur und Licht werden den optimalen Wachstumsbedingungen und dem Biorhythmus des Fisches angepasst.

Wie wird gezüchtet?

Die Fische schlüpfen in speziellen Behältern und werden ausgesetzt, wenn sie eine bestimmte Größe erreicht haben. Während der Wachstumsphase werden sie ständig kontrolliert und mehrmals nach Größen sortiert. Sind die Fische schlachtreif, werden sie aus den Netzgehegen abgefischt. Wichtig dabei sind die Qualität des Wassers, das Futter und die Besatzdichte, also wie viele Fische sich pro m3 tummeln können. Als Futter dienen Fischmehl und Fischöle, aus vermahlenen Kleinstfischen, Getreide, Mineralstoffe, Vitamine und Farbstoffe, zum Beispiel für die lachsrote Farbe beim Lachs.

Hauptprobleme der Aquakultur

Damit sich die Zucht lohnt, werden die Fische oft zu dicht gehalten, dann können sie sich nicht mehr richtig bewegen und werden fett. Sie können nun zwar schneller abgefischt werden, doch träge Fische sind anfällig für Krankheiten und Parasiten. In der EU sind Medikamente nur noch im Krankheitsfall erlaubt, der vorbeugende Einsatz von Antibiotika ist verboten. Seitdem hat sich die Situation in europäischen Zuchtgebieten deutlich verbessert. Auch in Norwegen, einem Nicht-EU-Land, sank der Einsatz von Medikamenten stark. In vielen Betrieben wird jedoch noch immer unsachgemäß gezüchtet. Ein Problem ist die Belastung der Meerestiere mit Antibiotika aus asiatischen Ländern. Da die Fischzucht standortgebunden ist, leidet der Gewässerboden. Unterhalb der Netzgehege ist er häufig durch Schlammablagerungen durch Exkremente und Futterreste verdreckt, das natürliche Bodenleben stirbt ab.
Lachs und Co. sind Raubfische, das heißt, sie benötigen Eiweiß aus anderen Fischen als Futter. Dieses stammt häufig aus dem so genannten Beifang, also den Fischen, die beim Fang anderer Fische mit ins Netz gehen, aber unerwünscht sind. Fische für Fischfutter müssen aber oft auch extra gefangen werden, so dass Wildfischen die Nahrung wegbleibt. In Experimenten wird deshalb derzeit überprüft, wie viel pflanzliches Eiweiß dem Fischfutter beigemischt werden kann, ohne dass der Fisch seinen typischen Geschmack verliert.
Die Flucht von Fischen stellt noch immer ein Problem dar, da vor allem die größeren Tiere entkommen und ihre kleineren Artgenossen fressen und verdrängen.

Ökologische Aquakultur

Logo Naturland

Intensive Aquakultur wirkt sich oft ungünstig auf das Ökosystem Wasser und den Fisch aus, auch wenn sich in den letzten Jahren vieles verbessert hat. Deshalb hat der Naturland Verband seit Mitte der 90er Jahre Richtlinien für die ökologische Fischzucht entwickelt, zuerst für die Shrimps-Zucht in Mangrovengebieten, anschließend für die Lachszucht.
Inzwischen gibt es Richtlinien für fast alle Zuchtfische. So gezüchtete Tiere dürfen das Naturland Siegel tragen.

Die Hauptgrundlagen der ökologischen Aquakultur

Durch die intensive Fischzucht dürfen die umliegenden Ökosysteme nicht gefährdet werden und die Fische sollen „tiergerecht“ aufwachsen. Deshalb müssen folgende Hauptanforderungen erfüllt werden:

  • Arteigenes Verhalten muss möglich sein; dazu gehören insbesondere das Bewegungs-, Ruhe-, Nahrungsaufnahme- und Sozialverhalten.
  • Stoffwechselprodukte und Futterreste müssen entnommen und einer sinnvollen Verwendung z.B. als Dünger zugeführt werden
  • Der Gewässerboden unterhalb der Netzgehege ist regelmäßig auf Schlammablagerungen durch Exkremente und Futterreste zu überprüfen.
  • Die Besatzdichte darf bei Vertretern der Dorsche, Meerbrassen und Umberfische 10 kg/m3 nicht überschreiten.
  • Zum Schutz der Netzgehege vor Algenbewuchs und vor Besiedlung mit wirbellosen Tieren müssen umweltverträgliche Verfahren eingesetzt werden. Der Einsatz von chemischen Mitteln ist nicht zulässig.
  • Kein Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen, weder beim Futter, noch beim Besatz
  • Fische sollen nicht entweichen können.

Das ordnungsgemäße Funktionieren dieser Anlagen ist durch mindestens vierteljährliche Untersuchungen zu belegen.

Hauptzuchtfisch Lachs

Bild einer Lachszucht

Lachszucht. Bildnachweis: Fisch-Informationszentrum

Normalerweise lebt der junge Lachs im Süßwasser. Etwa ab einem Jahr zieht es ihn ins Meer hinaus. Später führt ihn sein Instinkt immer wieder in den Fluss zurück, in dem er geboren wurde. Zuchtlachs darf zwar im Süßwasser schlüpfen, wird aber dann in Netzen im Meer gehalten, gefüttert und geerntet. Lachs wird in Schwimmgehegen mit bis zu 40 Kilogramm Fisch je Kubikmeter Wasser gezüchtet. Früher wurden die Fische sehr viel dichter gehalten, mit all den bereits beschriebenen Nachteilen. Die Folge war, dass die Landesuntersuchungsämter und die Stiftung Warentest immer wieder Medikamente, Antibiotika und Schadstoffe fanden. Der Lachsverzehr sank. Daraufhin stellten die meisten Betriebe ihre Zucht um, die Besatzdichte wurde reduziert und der Medikamenteneinsatz ging zurück. Die Lachslaus, ein Parasit, wurde durch Impfungen und in der Bio-Zucht durch den Einsatz des Lippfisches bekämpft. Auch der färbende Futtermittelzusatz Canthaxanthin darf seit 2003 nur noch in sehr geringer Dosierung zugesetzt werden.

Problemfall Garnelen

Die Garnele „Tiger prawn“ ist die größte Garnele und wird in Thailand, zunehmend auch in Indien in Aquakulturen in großem Maßstab gemästet und gezüchtet. Das zerstört die Umwelt und bringt Nachteile für die Bevölkerung, die dort in den Dörfern lebt. Die Mangrovenwälder in den Küstenregionen werden abgeholzt, um Raum für riesengroße Zuchtbecken zu schaffen. Das Süßwasser muss mit Salzwasser gemischt werden, weil die Garnelen eine spezielle Salzwassermischung benötigen. Damit sinkt der Grundwasserspiegel und die Dorfbewohner müssen ihr Trinkwasser aus immer weiteren Entfernungen herbei transportieren. Außerdem werden die Tiere sehr eng gehalten, das fördert Krankheiten und den Einsatz von Antibiotika. Deshalb gelten tropische Shrimps, egal ob aus Fischfang oder aus Zucht, zu den Fischen, die man als Verbraucher nicht kaufen sollte. Eine Ausnahme bilden Shrimps mit Biosiegel.

Spezialfall Muscheln

Gezüchtet werden Muscheln im Atlantik, aber auch im Mittelmeer, in Spanien oder in Italien. Sie hängen an Seilen in Küstennähe. Da Muscheln neben den Mini-Algen, von denen sie leben, auch Schadstoffe aus dem Meer filtern, werden sie nach dem Ernten in Becken mit sauberem Wasser gehalten. Zudem werden sie wöchentlich auf Schadstoffe untersucht. Alle Werte, beispielsweise für Schwermetalle, liegen weit unter den zulässigen Richtwerten, so die Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg. Auch die radioaktive Belastung der Nordsee und damit der Muscheln ist weiter gesunken.
Muscheln sollten jedoch gut erhitzt werden, da sie Noroviren aus dem Wasser regelrecht anreichern können und zu Erkrankungen führen, wenn sie roh verzehrt werden.
Bio-Muscheln kommen aus Irland und Norwegen und auch bei Kiel gibt es im Rahmen eines Förderprojektes eine Bio-Muschelzucht. Die wichtigste Voraussetzung für Bio-Muscheln ist eine hervorragende Wasserqualität, die auch ständig überprüft werden muss.

Schadstoffbelastung von Meeresfischen

Fettreiche Fische aus Aquakulturen können höhere Gehalte an Organochlorpestiziden anreichern.
Ebenfalls ist das Quecksilber ein Problem. Auch wenn die Belastung nicht hoch ist, rät das Bundesinstitut für Risikobewertung, Schwangeren und Stillenden auf den Verzehr von natürlich mit Quecksilber belasteten Fischen wie Buttermakrele, Aal, Steinbeißer, Schwertfisch, Heilbutt, Hecht, Haifisch, Seeteufel und Thunfisch zu verzichten.

Auch die Erzeugnisse daraus, wie beispielsweise Thunfisch in Dosen, sollten Schwangere und Stillende nicht essen.

Radioaktivität

Noch immer leiten die Wiederaufarbeitungsanlagen Sellafield, La Haque und Dounreay radioaktive Abwässer ins Meer. Die Belastung ist jedoch immer weiter gesunken.

Generelle Empfehlungen zum Fischverzehr

Die DGE empfiehlt 1–2 Fischmahlzeiten pro Woche: Fisch ist eine wesentliche Quelle für Protein, langkettige Omega-n-3 Fettsäuren, Vitamin A, Vitamin D, B-Vitamine und insbesondere das lebenswichtige Spurenelement Jod.

Kennzeichnung

Seit dem 1. Januar 2002 ist der Einzelhandel verpflichtet, zusätzliche Produktinformationen über Art und Herkunft der Fische und Meeresfrüchte, sowie der Fangmethoden zu liefern. Diese drei Angaben müssen gemacht werden:

Handelsbezeichnung des Produktes, Fanggebiet, z.B. Nordostatlantik oder Nordsee und Produktionsmethode.

Diese müssen mit den folgenden Worten angegeben werden:

  • gefangen in….
  • aus Binnenfischerei in…
  • aus Aquakultur in…
  • gezüchtet in…

Verantwortungsbewusster Fischeinkauf

Im Jahr 2008 wurde die Neufassung der EG-Öko-Verordnung verabschiedet und gilt seit 1. Juli 2010. Sie enthält nun auch Vorschriften für die Erzeugung von Aquakulturtieren. Die neue Bio-Aquakulturrichtlinie umfasst die Erzeugung von Fischen, Krebstieren und Seegras/Algen in Süß- wie in Salzwasser.

Bisher war die Zucht von Biofischen nur durch die Richtlinien verschiedener Bioanbauverbände, allen voran Naturland, geregelt. Die Richtlinien dieser Anbauverbände sind noch strenger als die Vorgaben der EU- Bio-Verordnung. Wer umweltbewusst einkaufen möchte, kann sich am Bio-Siegel von Naturland orientieren, aber auch am neuen EU-Logo für ökologische Produkte.

Das bekannte sechs-eckige deutsche Biologo darf zusätzlich weiter verwendet werden.

Logo für Nachhaltige Fischzucht

Zukünftig soll es ein Logo gebe,n mit welchem Fisch- und Meerestierprodukte aus nachhaltig wirtschaftenden Aquakulturbetrieben ausgezeichnet werden - das Aquaculture Stewardship Council (ASC). Der WWF hat es gemeinsam mit verschiedenen Organisationen entwickelt.

Heute gibt es bereits verabschiedete Standards für Fischarten wie Pangasius, Tilapia oder Muscheln,. Die ersten Produkte nach Aussage von Bofrost bereits im Handel sein.

Auch das MSC-Siegel steht für umweltgerechten Fischfang, gilt aber nur für frei lebende Fische.

Die 3 Prinzipien des MSC-Standards:

  1. Fisch für immer bewahren. Die Fischerei darf nicht zur Überfischung oder Erschöpfung der befischten Bestände führen.
  2. Auswirkungen auf das marine Ökosystem minimieren. Der Fischereibetrieb muss dafür sorgen, dass das Ökosystem Meer in seiner Zusammensetzung, Produktivität, Funktionsfähigkeit und Artenvielfalt erhalten bleibt.
  3. Effektives Management betreiben. Die Fischerei erfüllt alle Vorschriften und kann auf veränderte Rahmenbedingungen angemessen und schnell reagieren, um so die nachhaltige Nutzung der Ressource Fisch zu gewährleisten.

Ausblick

Die Europäische Union hat im Rahmen ihrer Biodiversitätsstrategie (1998) einen „Aktionsplan zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Fischerei“ ins Leben gerufen. Darin sind auch für Deutschland folgende Ziele definiert: Förderung der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der Fischbestände, Unterstützung der Fangmengenkontrolle und technischer Maßnahmen im Hinblick auf die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Fischbestände, Verringerung der Fischereiauswirkungen auf Nichtzielarten sowie die Küsten- und Meeresökosysteme, Vermeidung von Aquakulturverfahren, die den Erhalt der Lebensräume gefährden. Somit wird der Aquakultur immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet und die Grundlagen für eine tiergerechte nachhaltige Fischzucht weiterentwickelt.

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