Bayerisches Staatsministerium der
Justiz und für Verbraucherschutz

Ernährung für Senioren - Risiken und Anregungen

Von: Lydia Schmidt-Wagon - Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Ernährung und Markt (IEM)

Immer mehr Menschen erreichen ein höheres Alter, das sie mit Freude genießen können, wenn es ihre körperliche und geistig-seelische Verfassung zulässt. Einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Lebensqualität leistet dabei eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Risiko für eine nicht mehr ausreichende Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen, Vitaminen, Mineralstoffen und Flüssigkeit.

Altersstruktur von Senioren

Zukünftig werden in Deutschland immer mehr Senioren leben. Die Gruppe der 80-Jährigen wird sich bis 2030 fast verdoppeln. Das Alter als Lebensphase erstreckt sich dabei über eine immer länger währende Zeitspanne:

Ältere Menschen 65 bis 74-Jährigen
Hochbetagte 75 bis 89-Jährigen
Höchstbetagte 90 bis 99-Jährigen
Langlebige 100-Jährige und älter

Da die Personengruppe der Senioren aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sehr unterschiedlich ist, geht man immer mehr zu folgender Einteilung über:

unabhängig lebende Senioren go goes
hilfsbedürftige Senioren slow goes
pflegebedürftige Senioren no goes

Altersbedingte Risiken

Während die jungen, aktiven Senioren diesen Lebensabschnitt genießen und noch viel unternehmen, kann es bei den ab 75-Jährigen Menschen vermehrt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen, die auch den Ernährungsstatus beeinflussen.

Bei den noch Rüstigen dominieren vor allem Probleme, die mit einer jahrelangen Überernährung einhergehen; circa 20 Prozent dieser Personengruppe sind übergewichtig. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch die Zahl der Hochbetagten, die zu wenig isst und trinkt. Die Folgen von altersbedingten physiologischen Veränderungen und mangelnder Appetit sind hierfür die Hauptursachen.

Altersbedingte physiologische Veränderungen

  • Der Bedarf an Nahrungsenergie nimmt ab, da die Knochen- und Muskelmasse weniger werden.
  • Allgemein wird zu wenig getrunken, was zu Austrocknung führen kann.
  • Die Sinneswahrnehmungen (Geruch, Geschmack, Sehen, Hören) können eingeschränkt sein, ein wesentlicher Grund für weniger Appetit und Essen.
  • Hunger und Sättigung werden anders erlebt; bereits nach kleinen Portionen wird nicht mehr weiter gegessen.
  • Kau- und Schluckbeschwerden, Mundtrockenheit und Beeinträchtigungen der Verdauungsfunktionen verhindern eine ausreichende Nahrungsaufnahme.
  • Akute Erkrankungen, die Einnahme von Medikamenten und (chronische) Schmerzen wirken sich ebenfalls negativ auf das Appetitempfinden aus.
  • Andere Lebensumstände, Einsamkeit, Verlust der Selbständigkeit oder die Übersiedlung in ein Heim belasten den alten Menschen.
  • Eine beeinträchtigte geistige und psychische Verfassung (Trauer, Depression, Vergesslichkeit, Verwirrtheit und andere neurokognitive Erkrankungen) wirken sich ungünstig auf das Essverhalten aus.
  • Einseitige Lebensmittelauswahl oder Gewohnheiten stehen einer gesunden Ernährung entgegen.
  • Körperliche Veränderungen, Einschränkungen in der Mobilität und Behinderungen können den Einkauf, die Zubereitung und die Mahlzeiteneinnahme erschweren.

Senioren, die nicht ausreichend mit Essen und Trinken versorgt sind, haben ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko und sind somit auch in ihrer Lebensperspektive stark eingeschränkt. Sie bedürfen einer höheren Aufmerksamkeit bezüglich der Energie- und Nährstoffversorgung, denn bei einer anhaltenden Energiezufuhr unter 1500 kcal/Tag kann mit einer üblichen Mischkost der tägliche Bedarf an lebenswichtigen Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen nicht mehr ausreichend gedeckt werden. Es obliegt der Verantwortung von Ärzten, Pflegepersonal und betreuenden Angehörigen, wenn es darum geht, Fehlentwicklungen bezüglich des Ernährungsstatus rechtzeitig zu erkennen und entgegen zu wirken.

Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit allen lebenswichtigen Nährstoffen und liefert die Energiemenge, die sowohl Über- als auch Unterernährung vorbeugt. Sie orientiert sich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und an den persönlichen Wünschen des Einzelnen.

Veränderungen bei der Energie- und Nährstoffversorgung

Für die Personengruppe der Senioren gilt mit zunehmendem Alter eine niedrigere Energiezufuhr bei einem ähnlich hohen Nährstoffbedarf. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sich bei Männern zwischen dem 25. und 75. Lebensjahr der Grundumsatz um ca. 20 Prozent (375 kcal/Tag) und analog bei Frauen um ca. 15 Prozent (200kcal/Tag) reduziert. Der Leistungsumsatz verringert sich entsprechend der abnehmenden körperlichen Aktivität.

Deshalb ist bei der Lebensmittelauswahl und Speisenzubereitung auf einen möglichst hohen Gehalt bzw. Erhalt an Nährstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen zu achten (Nährstoffdichte: Nährstoffgehalt pro Energiemenge). Das steht jedoch meist nicht im Einklang mit den bisherigen Ernährungsgewohnheiten.

Die Erfordernisse für eine gesundheitsfördernde Ernährung und die herkömmliche Ernährungsweise müssen aneinander angepasst werden.

Empfehlungen für den täglichen Verzehr

täglich 1 Warme Mahlzeit
täglich 1 Portion frisches Obst
täglich 1 Portion Gemüse oder Salat
täglich 1 Glas Milch und Jogurt, Quark oder Käse
täglich 1 Scheibe Vollkornbrot oder Vollkornschrotbrot
täglich 1 Portion Kartoffeln bzw. Sättigungsbeilage
täglich ca. 30 g Streich- oder Kochfett
mehrmals pro Woche 1 Stück Fleisch, Fisch oder Ei
täglich ca. 1,5 l Flüssigkeit (Mineralwasser, Säfte, Suppe, Tee, Kaffee)

Kritisch zu betrachten ist die Versorgung bei Vitamin D, Vitamin B12, Folat/Folsäure, Calcium, Magnesium, Eisen, Zink und Jod, da die empfohlene Tagesmenge nicht immer erreicht wird. Meist wird auch nicht ausreichend viel getrunken (Empfehlung: 30 ml Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht).

Nahrungsergänzungsmittel

Nahrungsergänzungsmittel sind Produkte, die mit lebensnotwendigen und funktionsfördernden Nährstoffen angereichert sind. Eine grundsätzliche und unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist kritisch zu bewerten. Bei Senioren und hochbetagten Menschen kann es jedoch aufgrund des komplexen Alterungsprozesses, bei unsicherer Bedarfsdeckung, bei Untergewicht und verschiedenen Erkrankungen von Vorteil sein, gezielt bzw. zeitweise Produkte mit hoher Nährstoffdichte in die tägliche Kost und in die Zubereitung einfließen zu lassen. Dabei ist darauf zu achten, dass die vom Hersteller täglich empfohlene Verzehrsmenge den Bedarf entsprechend den Referenzwerten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nicht überschreitet. In besonderen Fällen kann auch eine mit Nährstoffen angereicherte bzw. energiereiche Spezialnahrung nach Rücksprache mit dem Arzt zweckmäßig sein.

Beispiele für Produkte mit hoher Nährstoffdichte

  • Vitamin- und Mineralstoffpräparate
  • Hefeprodukte wie Hefeflocken, Hefetabletten
  • Kohlenhydrat- und Eiweißkonzentrate
  • Verdauungsfördernde Präparate wie Leinsamen, Kleie
  • Natürliche Vitamin- und Mineralstoffprodukte, z. B. Sanddornsaft, Hagebuttenmus, Holundersaft

Anregungen für appetitfördernde Maßnahmen

Selbständig und eigenverantwortlich die Mahlzeiten einzunehmen bedeutet für Senioren an der Tischgemeinschaft teilnehmen, verbunden mit einem Plus an Lebensqualität. Deshalb ist es ein ganz besonders wichtiges Anliegen, mit Anregungen und Maßnahmen, diese Selbstbestimmung so lange wie möglich zu erhalten und zu unterstützen.

  • tägliche Bewegung, nach Möglichkeit an der frischen Luft, evt. auch Gymnastik
  • regelmäßige Mahlzeiten mit kleinen Portionen über den Tag verteilt anbieten
  • farblich aufeinander abstimmte und vielfältige Gerichte zusammenstellen
  • Vorlieben und Essenswünsche gestatten, evt. für einen Nährstoffausgleich sorgen
  • gemeinsame Mahlzeiten, genügend Zeit geben und eine angenehme Atmosphäre (ein schön gedeckter Tisch, Musik) gestalten
  • leicht kaubare und gut schluckfähige Speisen servieren, keinen Einheitsbrei, evt. Ergänzung mit Kohlenhydrat- und Proteinpräparaten zur besseren Essbarkeit
  • für einen guten Geschmack mit Kräutern pikant würzen; Salz eher sparsam verwenden
  • Hilfsmittel unterstützen die selbständige Nahrungsaufnahme: z. B. rutschfester Teller, Tellerranderhöhungen, Becher mit zwei Griffen, Bestecke mit ausgeformten Griffen
  • eine aktive Beteiligung des älteren Menschen beim Essen und Trinken fördern und unterstützen

Eine gesundheitsfördernde Ernährung, die den Menschen mit ausreichend Energie und Nährstoffen versorgt und einer Mangelernährung vorbeugt, die auch die persönlichen Konstellationen, Wünsche und Gewohnheiten mit einbezieht, leistet einen Beitrag für das gesundheitliche Wohlbefinden und einer höheren Lebensqualität.

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