"Ich hab - Hunger!" "Was gibt's zu Essen?" "Mein Bauch tut vor lauter Hunger weh!" Nun gilt es keine Zeit zu verlieren, es muss schnell etwas auf den Tisch. In vielen Alltagssituationen, in denen keine Zeit für Selbstgekochtes bleibt, greifen Mütter immer häufiger zu Fertigprodukten oder geben ihren Kindern Geld für die Außer-Haus-Verpflegung.
Hierbei behaupten sich Klassiker wie Pizza, Döner und Würstchen auf der Beliebtheitsskala der Kinder ganz vorne. Nach kurzem Zögern entscheiden sich die Kids diesmal für die Würstchenbude. Endlich liegt sie vor ihnen, die Currywurst. In einem weißen kartonierten Schälchen liegen rötliche Wursthäppchen in rotbrauner Sauce und weißgelbe Pommes frites auf denen ein zweizackiges grünes Plastikspießchen thront. Der Gipfel der Genüsse! Hastig werden die mundgerechten Stückchen in den Mund gesteckt und kaum gekaut hinuntergeschluckt. Die Zeit drängt, die Freunde warten zum Spielen oder der Unterricht geht gleich weiter.
Im Folgenden soll auf all diese Fragen Antworten gefunden werden.
Vielleicht scheint die vorher beschriebene Situation fremd, aber leider wird sie zunehmende Realität. Die Zahl der verkauften Fertigprodukte steigt, Schnellimbisse und Heimservice schießen wie Pilze aus dem Boden und Eltern nehmen sich leider immer weniger Zeit für die Ernährung ihrer Kinder. Besonders Kinder aus den Großstädten verlieren zusehends den Bezug zur Herkunft und Produktion der Lebensmittel. Es besteht kaum Wissen über die Aussaat- und Erntezeiten heimischer Obst- und Gemüsesorten und deren weitere Verarbeitung in der Fabrik. So ist es kein Wunder, wenn Kinder oftmals glauben, dass Milch nur aus der Tüte komme und nicht von der Kuh. Das sich steigernde Desinteresse für die Nahrung birgt die Gefahr, dass die Verbraucher unkritischer gegenüber den Herstellern werden und somit viele fragwürdige Herstellungspraktiken akzeptieren. Des Weiteren wird die Essensaufnahme heute vielmals als begleitende Tätigkeit gesehen und nicht als in sich geschlossene Handlung, die Zeit und Ruhe in Anspruch nimmt. Daraus können viele der so genannten Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Adipositas (Fettleibigkeit) resultieren.
Ziel ist es, den Verbraucher kritisch gegenüber der heutigen Ernährungssituation zu stimmen, denn nur auf diese Weise kann eine Veränderung eintreten. Wertvolles Instrument hierzu ist z. B. der Gebrauch aller Sinne beim Verzehr von Lebensmitteln.
Der Mensch besitzt die Fähigkeit, seine Umwelt mit Hilfe seiner Sinne auf vielfältige Art und Weise wahrzunehmen. Ein Sinnessystem alleine lässt ein Urteil über eine Speise nicht zu, nur das Zusammenspiel aller Sinne - gekoppelt mit dem persönlichen Erinnerungsvermögen - bildet die Möglichkeit zur vollkommenen Bewertung eines Mahls. Die Sinne des Menschen sind nicht starr, sondern können wie z. B. das Gedächtnis trainiert werden. Um welche Sinne es sich dabei handelt und wie sie in Anspruch genommen werden können, um später mit Genuss essen zu können, soll im Folgenden näher erläutert werden.
Die fünf Sinne des Menschen lauten:
Der erste Blick ist entscheidend, nicht nur bei zwischenmenschlichen Angelegenheiten, sondern auch beim Essen. Beim Einkauf von Obst und Gemüse erforscht das Auge die Formen, die Farben und den Frischegrad, beim Essen erfreut es sich an abwechslungsreichen Farben auf dem Teller und verlangt auch nach einer gewissen Ästhetik und Arrangements der Umgebung. In Verbindung mit dem Gedächtnis und den persönlichen Vorstellungen wird die Entscheidung über einen Kauf oder Verzehr getroffen.
Wie wär's mit einem bunten Salat mit grünen knackigen Salatblättern, roten Tomaten, grünen oder schwarzen Oliven, gelber Paprika und orangen Karotten! Der Phantasie werden keine Grenzen gesetzt, wenn das Auge verwöhnt werden soll.
Beim ersten Biss in ein Brötchen stellt man sofort fest, ob es frisch oder altbacken ist. Ein frisches Brötchen zeichnet sich durch ein knuspriges, knackendes Geräusch aus, was beim altbackenen ausbleibt. Die Frische und die vorhandene Haltbarkeit eines Produktes können mit dem Ohr aufgenommen werden. So kann z. B. der Reifegrad von Melonen oder Käselaiben durch Klopfen festgestellt und die Frische eines in einer Glasflasche verpackten Saftes beim Öffnen durch das "Plopp-Geräusch" bestätigt werden.
Über die Haut kann der Mensch viele unterschiedliche Wahrnehmungen aufnehmen. Zum einen kann er nach Gegenständen greifen, ihre Oberfläche und Beschaffenheit erspüren, zum anderen kann er Hitze, Kälte und Schmerz in unterschiedlichen Stärken empfinden. Im Alltag benützt er v. a. die Hände und die Finger für das Ertasten der Umwelt, so auch beim Einkauf von Obst und Gemüse. Beim Essen erweitert sich das Tasten auf die Zunge und die Mundschleimhaut. Es werden unterschiedliche Konsistenzen, wie porös, rau, zart, schmelzend und flüssig erkannt. 
Tipps:
Die Nase detektiert die einzelnen Düfte, die aus Bäckereien, Cafés und Küchen lockend die Straßen entlang ziehen. Beim Kauen der Mahlzeit werden die Aromastoffe der einzelnen Speisenkomponenten in die Mundhöhle freigesetzt und gelangen über den Rachenraum an die Riechschleimhaut. Auf diese Weise wird das Lebensmittel vor und beim Verzehr durch seine Aromastoffe wahrgenommen, so dass ein doppelter Schutz gegenüber ungenießbarer Ware besteht. Im Gehirn gespeicherte Gerüche und Düfte können durch ihr Auftreten tiefe Empfindungen wecken, so kann z. B. ein gewisses Parfüm an die Mutter erinnern oder ein Geruch ein Signal für eine Gefahr sein. Eine Aufgabe des Geruchsinns ist es, den Speichel- und Magensaftfluss zu aktivieren, so dass die Verdauung der Speise optimal gefördert wird.Tipps:
Der Mensch kann mit Hilfe seiner Zunge vier Geschmacksqualitäten unterscheiden. Von Geburt an bevorzugen Babys süße Nahrung, da diese leicht verwertbare Energie in Form von Zucker besitzt. Die Vorliebe für Süßes gilt als angeboren, da sie in früheren Zeiten den Menschen zum Überleben verhalf. Evolutionsbiologisch gesehen lässt sich auf gleiche Weise die angeborene Abneigung für Bitteres erklären, denn oftmals verbergen sich hinter bitteren Stoffen Gifte oder andere Gefahren.Die angeborene Abneigung kann im Laufe des Lebens in eine Vorliebe umgewandelt werden, denn wie ließe sich sonst die große Anzahl von Kaffee- und Biertrinkern erklären. Die Vorliebe für Salz entwickelt der Säugling bis zum vierten Lebensmonat und kann sie ab dann trainieren. Saure Lebensmittel werden vom Säugling genauso abgelehnt wie von Kindern, sie werden aber später im Erwachsenenalter angenommen. Japanische Forscher glauben eine weitere Geschmacksqualität (Umami) entdeckt zu haben. Umami bedeutet Fleischgeschmack und wird durch Anwesenheit von Glutamat wahrgenommen.
Tipps:
positiven Gefühlen, die das Wohlbefinden ausmachen. Genießen tut der Seele gut und kann ohne weiteres trainiert werden. Menschen, die diese Fähigkeit besitzen, Genuss und Genießen selbst zu steuern, schaffen sich eine Umgebung, die auch für andere Wohlbefinden auslöst. Die wichtigste Voraussetzung zum Genießen sind gut geschulte Sinne, die eine unterscheidende Wahrnehmung ermöglichen. Zudem muss Bereitschaft bestehen, sich bewusst dem lustvollen Erleben hingeben zu wollen. Es gibt eine klare Grenze zwischen Genuss, Lust, Konsumieren und süchtigem Essverhalten.In unserer Alltagssprache haben sich Redewendungen und somit Lebensweisheiten, wie z. B. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" festgesetzt, die eine genussfeindliche Wirkung haben. Hier wird der Eindruck vermittelt, dass Vergnügen und Genuss verboten sind. Genuss löst positive Gefühle wie Wohlbehagen, Glück und Ruhe aus, die dem Anderen in unserer Gesellschaft nur neidvoll gegönnt werden. Um frei genießen zu können, müssen diese "Verbote" aufgedeckt und durch neues positives Handeln ersetzt werden.
Das Ausführen von Verzicht ermöglicht den Genuss! Zum einen bedeutet Verzicht, nur etwas zurückhaltend beim Essen zu sein, zum anderen nur das zu essen, auf das man Appetit hat (und nur soviel davon bis zum Eintritt des Sättigungsgefühls). Verzicht kann aber auch bedeuten, Lebensmittel ausschließlich in ihrer Erntezeit zu essen, wie z. B. Erdbeeren im Frühsommer und nicht an Weihnachten. Dies bedeutet, ein Lebensmittel nur dann zu essen, wenn von der Natur aus auch alle Inhaltsstoffe optimal vorhanden sind.
Sieben Genussregeln:
Quelle: modifiziert nach I. Diedrichsen (zitiert nach Lutz)
Die Genussregeln von Lutz lassen sich kurz zusammenfassen. Die Schaffung von Freiräumen für den Genuss benötigen Zeit. Es müssen Genusstabus aufgedeckt und durch Erlauben und Handeln ersetzt werden. Der Essprozess verlangt eine ungeteilte Aufmerksamkeit, d.h. Essen und gleichzeitiges Lesen schließen sich aus. Wer Genießen will muss seine Vorlieben kennen, ein Überangebot von Nahrungsmitteln vermeiden und sollte lernen Unterschiede zu erkennen. Nicht außergewöhnliche Festessen machen den Genuss aus, sondern das Entdecken der genussvollen Dinge im Alltag.
Genussvoll Essen kann das ganze Essverhalten und die damit verbundenen Probleme verändern. Genuss braucht bekanntlich Zeit. Allein durch das Einhalten dieser Regel können Genusstabus (die z. B. aus einer streng religiösen Erziehung überliefert sind) aufgedeckt und durch genussbejahendes Verhalten ersetzt werden. Dies bedeutet: Ambiente, Lebensmittel und Zeit müssen für den Genuss verändert werden. Sich Zeit nehmen heißt auch auskundschaften, was bekömmlich ist, was schmeckt und was nicht. Sind diese 7 Genussregeln in Fleisch und Blut übergegangen, so ist man ein Genießer. Er weiß, was er isst, wie viel davon ihm bekommt. Ihm ist es möglich auch in gewisser Weise darauf zu verzichten. Ein Genießer erkennt, auf was er Appetit hat, er weiß diesen gezielt zu stillen und er isst nur bis zur Erreichung der Sättigung. Das Gefühl des Hungers und des Sattseins, sogar des Übersättigseins kennt er nicht. Dadurch hat ein echter Genießer eher die Chance, seltener Übergewicht und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken auszubilden. Folgende Übung hilft, auch mal gehaltvollere Lebensmittel zu genießen.
Schokoladenübung
Vor Ihnen liegt ein Stück Schokolade.
Sie sitzen bequem auf einem Stuhl und lassen die Augen auf einem Punkt am Boden ruhen. Auf die Geräusche im Raum hören (bis 20 Zählen)! Zweimal tief durchatmen (bis 20 Zählen) und die Augen schließen!
Träumen Sie vor sich hin! Sie sind auf der Schokoladeninsel. Sehen Sie sich alles genau an! Alles ist hier aus Schokolade und man darf alles essen, aber nur ganz langsam. Nehmen Sie das Stück Schokolade in die Hand!
Riechen (bis 30 Zählen) Sie daran! Wie riecht Sie?
Lecken (bis 30 Zählen) Sie an ihr! Wie schmeckt sie?
Legen Sie sie jetzt unter Ihre Zunge (bis 20 Zählen)! Schieben Sie das Stück in die linke Wange (bis 20 Zählen) und dann in die rechte (bis 20 Zählen)! Den Rest der Schokolade in Ruhe schmelzen lassen (bis 30 Zählen)! Zum Schluss gehen Sie mit der Zunge den Weg des Stückchens nochmals nach und überlegen wo es am besten geschmeckt hatte (bis 30 Zählen). Nun sind Sie am Ende der Reise. Kommen Sie Schritt für Schritt zurück! Langsam aufwachen, strecken Sie sich. Lassen Sie sich Zeit.
Quelle: modifiziert nach Essen & Psyche S.28; (zitiert nach Hassel)
Nach dieser Übung stellt sich die Frage: Braucht man wirklich eine ganze Tafel Schokolade, um das volle Aroma in sich aufzunehmen? Wetten, dass die Geschmackspapillen schon innerhalb der Schokoladenübung voll auf ihre Kosten gekommen sind. Und das bei nur einem Stück!
Ganz einfach. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Werden die Sinne der Kinder nicht trainiert verkümmern sie. In einigen Jahren hätten wir bereits eine große Geschmacksarmut. Standardisierter Geschmack, auf der ganzen Welt gleich.
Kinder besitzen einen großen Entdeckergeist, der gerade in der Schulung der Sinne benötigt und gefördert wird. Das Lernen mit allen Sinnen ist zudem ein aktives Lernen, was mehr zum Nachahmen im privaten Kreis animieren kann.
Generell können alle bis jetzt besprochenen Übungen zu Hause mit der Familie durchgeführt werden. Zusätzlich gilt es, als Eltern den Kindern viele unterschiedliche Lebensmittel zu präsentieren.
Eltern sollten selbst als Vorbild dienen, denn Kinder ahmen sie gerne nach. Das bedeutet z.B. eigene Abneigungen ab und zu überwinden und das Lebensmittel trotzdem der Familie anbieten. Im Urlaub nur mutig die Gerüche und Aromen der Fremde in sich aufnehmen und in den Kindern das Interesse für das Unbekannte wecken.